Bella
Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffnete, sah ich als erstes Edwards Gesicht und musste unwillkürlich lächeln.
Seine Augen waren noch geschlossen und seine Arme noch immer um mich geschlungen.
Ich lauschte seinem ruhigen Atem und dem Herzschlag in seiner Brust.
Es war ein wunderschönes Gefühl neben ihm aufzuwachen und ihn so friedlich schlafen zu sehen, war ein wirklich schöner Anblick.
Ich rührte mich nur ein wenig und doch schien Edward diese Bewegung aus seinem Schlaf zu holen, denn wenige Sekunden später blickte ich in seine noch leicht verschlafenen grünen Augen.
„Guten Morgen…“, murmelte er lächelnd und küsste meine Wange.
„Guten Morgen…“, erwiderte ich und biss mir lächelnd auf die Unterlippe.
„Wie hast du geschlafen?“, wollte er von mir wissen und richtete sich vorsichtig auf.
„Gut..“ Und ich konnte auch guten Gewissens sagen, dass es die Wahrheit war.
Mir ging es schon viel besser als am vorherigen Abend und eigentlich hatte ich das hauptsächlich Edward zu verdanken.
Er war für mich da gewesen und hatte mich festgehalten.
Ich dankte ihm für so vieles.
„Das ist schön zu hören“, sagte er und schob die Bettdecke zur Seite.
„Ich werde jetzt in mein Zimmer gehen, damit du dich in Ruhe fertig machen kannst. Ich bin unten im Esszimmer und werde auf dich warten“, versicherte er mir mit einem Lächeln auf den Lippen und ich sah Edward hinterher, wie er mein Zimmer verließ.
Ich streckte mich noch einmal ganz vorsichtig, bevor ich mich schließlich aus dem Bett erhob und mich noch einmal in diesem wunderschönen Zimmer umsah.
Meine Aufmerksamkeit wurde durch ein dunkelgrünes Kleid erregt, welches sorgfältig auf einer Stuhllehne bereit gelegt worden war.
Stirnrunzelnd warf ich einen Blick darauf.
Mir gehörte dieses Kleid nicht, also musste es jemand dort hingelegt haben.
Neugierig und mit leisen Schritten lief ich zu dem Kleid herüber und entdeckte einen Zettel, der sorgfältig auf dem Stuhl zusammengefaltet lag.
Ich griff danach und öffnete ihn, damit ich ihn lesen konnte.
Zum Vorschein kam eine wunderschöne Handschrift, die ich bis jetzt noch nicht kannte.
„Liebes, ich habe dir einige Kleider besorgt und hoffe, dass sie dir gefallen werden.
Sie werden bezaubernd an dir aussehen, da bin ich mir sicher.
Elizabeth“
Ich errötete augenblicklich als ich den Namen las, der dort geschrieben stand.
Edwards Mutter hatte mir dieses Kleid hier zu recht gelegt, da war ich mir sicher.
Also hatte sie auch mit großer Wahrscheinlichkeit gesehen, dass Edward in meinem Bett direkt neben mir geschlafen hatte.
Unsicher sah ich mich in dem kleinen Raum um.
Verurteilte sie mich jetzt vielleicht?
Würde es noch ein riesengroßes Donnerwetter geben, wenn ich nachher diese Treppenstufen herunter ging und das Esszimmer betreten würde?
Ich traute mich nur ganz langsam, mit dem Kleid in das wunderschöne Badezimmer um mich für das Frühstück fertig zu machen.
Ein wenig versuchte ich die Zeit noch herauszuzögern, aber ich wollte auch nicht unhöflich wirken, also atmete ich noch einmal tief durch, bevor ich die Tür öffnete und den Flur des oberen Stockwerkes betrat.
Es waren keine Stimmen zu hören. Ich lauschte aufmerksam den Klängen des Klavierstückes, welches aus dem unteren Stockwerk zu hören war.
Meine Hand legte sich an das wunderschön verzierte Geländer und ich schritt langsam die Treppe hinab.
„Guten Morgen, Miss Swan“, hörte ich eine Stimme und ich zuckte erschrocken zusammen.
Als ich meinen Blick aufrichtete, entdeckte ich die Haushälterin der Masens, die mich freundlich anlächelte.
Ihr Name war Sophia, wenn ich mich recht erinnerte und in ihren Händen trug sie ein großes Tablett, welches mit Sicherheit für das Frühstück bestimmt war.
„Dieses Kleid steht Ihnen wirklich fabelhaft! Ich wusste doch gleich, dass Mrs. Masen das richtige Augenmaß besitzt“, fügte sie mit einem ehrlichen Lächeln hinzu und es ließ sich nicht vermeiden, dass ich sogleich wieder errötete.
Also hatte ich auch mit meiner Vermutung recht gehabt.
Elizabeth hatte es gesehen.
„Benötigen Sie noch etwas, Miss?“, fragte Sophia mich und ich erwachte augenblicklich aus meiner kleinen Träumerei.
„Oh.. Ich? Nein, vielen Dank“, sagte ich hastig und Sophia nickte lächelnd, bevor sie schließlich im Esszimmer verschwand.
Ich wagte mich nur langsam vor und legte meine Hand vorsichtig an den Türrahmen, um einen Blick in das riesige Esszimmer werfen zu können.
Sophia war gerade dabei den Tisch zu decken.
Edward Senior saß bereits an dem Esszimmertisch und war mit einem unzufriedenen Stirnrunzeln in seine Zeitung vergraben.
„Liebling, du siehst so verärgert aus“, hörte ich die Stimme von Elizabeth und wenige Sekunden später sah ich, wie sich ihre Hand an die Schulter ihres Mannes legte.
„Der Krieg… Sie haben den Deutschen den Krieg erklärt“, murmelte er leise vor sich hin und ich bemerkte, wie Elizabeths zuvor noch gutmütiger Blick einen ängstlichen Ausdruck bekam.
Ihre Hand legte sich an ihr Herz und sie seufzte leise, bevor sie sich schließlich wieder von ihrem Mann abwandte.
„Wenn es an der Zeit ist, muss Edward…“ Bei den letzten Worten brach ihre Stimme und mein Herz setzte für einen kurzen Moment aus.
Alleine der Gedanke daran, dass Edward in den Krieg ziehen musste, löste in mir eine richtige Panikwelle aus und ich schnappte nach Luft.
Sofort drehten sich beide Köpfe in meine Richtung.
„Entschuldigung“, murmelte ich mit leiser Stimme und biss mir auf die Lippen.
Als Elizabeth realisierte, dass ich es war, schlich sich wieder ihr warmes Lächeln auf ihre Lippen und sie kam auf mich zu.
Beinahe so, als hätte dieses Gespräch zwischen ihr und ihrem Mann nicht stattgefunden, doch ich konnte noch immer die tiefste Sorge in ihren Augen erkennen.
„Guten Morgen, meine Liebe“, sagte sie mit sanfter Stimme und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Ich lächelte schüchtern, doch sicherlich war die Angst und die Panik noch immer in meinem Blick zu sehen, denn Elizabeth streichelte behutsam meinen Arm.
Sie war so gütig zu mir, dass ich es fast nicht verdient hatte.
„Du trägst das Kleid, welches ich dir zurecht gelegt habe und es steht dir wirklich noch besser, als ich zuerst gedacht habe“, bemerkte Elizabeth mit einem strahlenden Lächeln.
„Vielen Dank für dieses überaus bezaubernde Kleid“, flüsterte ich schüchtern als Antwort und senkte meinen Kopf.
„Gerne, meine Liebe. Setz dich doch zu uns, dass Frühstück wird gleich serviert sein!“ Sie führte mich in die Richtung des Tisches und Edwards Vater richtete seinen Blick auf, als er mich entdeckte.
Sofort erhob er sich von seinem Platz und rückte meinen Stuhl zurecht, damit ich mich setzen konnte.
Ich lächelte dankbar und er machte eine leichte Verbeugung in meine Richtung, bevor er sich dann seiner Frau zuwandte.
Die beiden waren ein wirklich wunderschönes Paar und ich konnte einfach nicht anders, als die beiden zu beobachten.
Ich fragte mich, wie meine Zukunft wohl aussehen würde.
Ob ich eines Tages auch einen so wundervollen Mann haben würde und bezaubernde Kinder?
Ich errötete bei dem Gedanken, dass Edward derjenige sein könnte, mit dem ich das alles erlebte.
Vielleicht würde es ja wirklich so sein, eines Tages.
Meine Aufmerksamkeit wurde aber schnell wieder anders beansprucht, als Edward den Raum betrat.
Sofort richtete ich meinen Kopf in seine Richtung und als sich unsere Blicke trafen, schenkte er mir sein strahlendes Lächeln, welches die Röte in meinem Gesicht nur noch mehr verstärkte.
Elizabeth seufzte zufrieden, als sich Edwards Hand ganz vorsichtig auf meine Schulter legte und er meine Wange küsste. Edward ließ sich auf dem Stuhl direkt neben mir nieder und ich wandte meinen Blick schnell von ihm ab, aber es ließ sich nicht vermeiden, dass ich lächelte.
„Nun, mein Sohn. Denkst du wir können an diesem heutigen Tage unsere Frauen guten Gewissens alleine lassen?“, fragte Edwards Vater nach dem Frühstück mit einem amüsierten Gesichtsausdruck und ich richtete schnell meinen Blick auf.
„Ach papperlapapp!“, sagte Elizabeth mit einem Lächeln und schlug ihren Mann mit einer sanften Bewegung auf die Hand.
„Liebling, denkst du denn nicht, dass wir beide uns schon zu beschäftigen wissen?“
Ich war immer noch ein wenig verwirrt über die Aussage von Edwards Vater und lauschte dem folgenden Gespräch nur mit einem Ohr.
Edward warf mir einen besorgten Blick zu und streichelte meine Hand.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte er vorsichtig und musterte aufmerksam mein Gesicht.
„Du gehst fort?“ Es war eigentlich nicht beabsichtig gewesen, dass meine Stimme diesen panischen Unterton hatte, aber das ließ sich nicht vermeiden.
Edward lächelte schief und betrachtete unsere Hände, die in der Zwischenzeit miteinander verschränkt waren.
„Nur für heute, Liebste“, versicherte er mir und seine grünen Augen beruhigten mich ein wenig.
Doch da waren immer noch diese Worte, die Elizabeth heute erwähnt hatte.
Der Krieg und all die grausamen Dinge, die dort weit weg von hier geschahen…
„Ich helfe meinem Vater bei der Arbeit“, fügte er noch als Erklärung hinzu und ich atmete erleichtert aus.
„Wann wirst du wieder da sein?“, fragte ich vorsichtig und Edwards Lächeln wurde noch breiter.
„Gegen Mittag. Es wird sicherlich nicht so lange dauern, das verspreche ich dir!“
Er küsste meinen Handrücken und ließ meine Hand dann gezwungenerweise los, da er sich von seinem Stuhl erhob.
„Ich denke, du wirst dich gut mit meiner Mutter amüsieren“, murmelte er mit einem zufriedenen Lächeln und ich wurde etwas unruhig.
Elizabeth war eine wirklich fantastische Frau, aber ich hatte auch unheimlichen Respekt vor ihr.
Jedoch konnte sie mich vielleicht von allem am Besten verstehen, denn sie war ebenfalls nicht reich auf die Welt gekommen.
Ich wandte meinen Blick von Edwards Eltern ab, während sie sich verabschiedeten, denn ich wollte sie wirklich nicht dabei beobachten und in irgendeiner Art und Weise stören.
„Wir sehen uns heute Mittag“, versprach er mir noch einmal, beugte sich zu mir herunter und küsste mich ganz sanft und vorsichtig.
Vor seinen Eltern.
Jedoch löste er sich für meinen Geschmack viel zu schnell wieder von mir und sein Zeigefinger strich mit einem amüsierten Lächeln über meine Wangen.
Man musste es mir nicht sagen, dass sie wieder einen leichten Rosaton angenommen hatten, dass wusste ich auch schon so.
„Meine Damen..“ Edward Senior verbeugte sich leicht in unsere Richtung und verließ dann zusammen mit seinem Sohn das Haus.
Ich seufzte leise und sah Edward noch hinterher, bevor ich schließlich eine Hand an meinem Arm spürte.
Auf Elizabeths Lippen lag ein zufriedenes Lächeln und sie wandte ihren Kopf in meine Richtung.
„Nun, Isabella…“ Sie runzelte kurz die Stirn und lächelte mich dann vorsichtig an.
„Oder würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dich Bella nenne? Bis jetzt habe ich nur mitbekommen, dass mein Sohn diesen Namen verwendet und ich weiß nicht, ob dir das recht ist, wenn ich es auch tue.“
Ich nickte lächelnd und Elizabeth schien sich wirklich darüber zu freuen.
Ihre Hand deutete in die Küche, bevor sie zu sprechen begann.
„Da unsere Männer jetzt den ganzen Vormittag unterwegs sein werden, habe ich mich gefragt ob du mir nicht vielleicht das Rezept für diesen unbeschreiblich köstlichen Schokoladenkuchen geben kannst…Wir könnten ihn auch gleich zusammen backen, denn ich denke die Männer werden nichts dagegen haben. Es sei denn, du würdest gerne etwas anderes unternehmen.“
Elizabeth warf mir einen fragenden Blick zu und für einen kurzen Moment war ich verwundert über die Tatsache, dass Elizabeth backen konnte.
Sie schien meinen Blick zu bemerken und zu meiner Schande auch genau richtig zu deuten.
„Ich weiß nicht, wie viel Edward dir von mir erzählt hat, aber obwohl ich vielleicht etwas aus der Übung bin, kann ich doch noch kochen und backen.“
An ihrem warmen Lächeln erkannte ich, dass sie mir es wirklich nicht übel nahm, aber ich fühlte mich trotzdem so, als hätte ich sie beleidigt.
„Ich wollte Sie nicht beleidigen“, sagte ich schnell und sprach somit gleich meine Gedanken laut aus.
Elizabeth lachte leise und führte mich in die riesengroße Küche, in der sich auch die Haushälterin befand.
„Keine Sorge, meine Liebe. Mich kann so schnell nichts verärgern!“, versicherte sie mir mit einem kleinen Augenzwinkern und ich seufzte leise.
„Natürlich helfe ich Ihnen gerne“, sagte ich, nachdem wir vor dem Ofen zum stehen kamen.
Es wäre sicherlich schön, wenn wir Edward und seinem Vater eine kleine Freude machen konnten.
Sophia entschuldigte sich und war sogleich aus der Küche verschwunden.
Ich wusste nicht, ob sie uns alleine lassen wollte, oder ob sie wirklich noch etwas zu erledigen hatte, aber ich dachte nicht weiter darüber nach.
„Ich denke, wir haben alle nötigen Zutaten hier in diesem Schrank“, erklärte Elizabeth mir und öffnete eine Schranktür.
Natürlich war es nicht verwunderlich, dass sich in diesem Schrank wahrscheinlich alles befand, welches man zum backen von hunderten solcher Kuchen benötigte.
Ich überlegte einen Moment und verschaffte mir einen kurzen Überblick über diese ganze Zutatenvielfalt und stellte dann alles sorgfältig auf die Kleine Ablage vor uns.
Einige Minuten lang standen wir schweigend nebeneinander und ich machte mich daran den Teig anzurühren.
„Mich würde es interessieren, wie viel Edward dir von mir erzählt hat“, bemerkte Elizabeth nach einiger Zeit und ich sah kurz zu ihr herüber.
„Ehrlich gesagt nicht so viel. Nur.. Nun ja… Sie stammen doch auch aus den gleichen Verhältnissen wie ich, oder?“
„Das stimmt. Ich habe sogar in dem gleichen Stadtteil wie du gewohnt. Ich war ein ganz normales Mädchen, lebte zusammen mit meinem Eltern in einem kleinen Häuschen und habe sie immer bei ihrer Arbeit unterstützt. Genau wie du“, erklärte sie mir und seufzte zufrieden.
Dem Anschein nach erinnerte sie sich gerne an diese Zeit zurück und mir wurde immer mehr bewusst, warum sie mich so gut leiden konnte.
Eigentlich war ich genau so wie sie, nur eine etwas jüngere Ausgabe davon.
Edward hatte natürlich recht gehabt, natürlich war solch eine Art von Beziehung möglich, denn seine Eltern lieferten ja den besten Beweis dafür.
Ich fragte mich nur, wie sie es geschafft hatten.
Im Gegensatz zu heute, war die Gesellschaft von damals doch noch strenger gewesen und trotzdem waren sie jetzt ein glücklich verheiratetes Ehepaar.
„Du fragst dich sicherlich, wie wir das geschafft haben, oder?“ Sie musterte aufmerksam mein Gesicht und ich blinzelte verwirrt.
Elizabeth und auch Edward hatten irgendwie eine Begabung dafür, die Gedanken des anderen in ihrem Gesicht abzulesen.
Zumindest lagen die beiden mit ihren Vermutungen meist richtig, obwohl Edward mir vor kurzem noch erzählt hatte, dass es für ihn bei mir nicht gerade sehr einfach war.
„Ehrlich gesagt, ja“, gestand ich kleinlaut und warf einen Blick auf den Teig.
Elizabeths leises Lachen ging in ein Seufzen über und es schien so als schwelgte sie für einen kurzen Moment in alten Erinnerungen.
„Weißt du Bella, du musst dich vor uns wirklich für gar nichts rechtfertigen. Ich sehe es wirklich sehr gerne, dass du an Edwards Seite bist. Er ist wirklich ein fantastischer Sohn und ich möchte für ihn nur das Beste, aber ich habe mir geschworen, mich nicht in seine Angelegenheiten einzumischen, wie es die Eltern meines Mannes getan hatten“, erklärte sie mir und ich musste sofort an meine Mutter denken.
Es war für mich immer noch unverständlich, warum sie sich so gegen diese Beziehung wehrte und einfach nicht wollte, dass ich meine Zeit zusammen mit Edward verbrachte.
„Wenn ich da alleine an Miss Stanley denke…“ Elizabeth schüttelte sich kurz und warf mir einen vielsagenden Blick zu.
Ich wusste ganz genau, was Elizabeth mir damit sagen wollte und ich musste unwillkürlich grinsen.
„Aber wenn Edward die Entscheidung getroffen hätte sie zu heiraten, hätte ich ihn nicht aufgehalten.“ Elizabeth schien erleichtert zu sein, dass Edward diese Entscheidung wohl nicht in Erwägung zog und auch mir erging es da nicht anders.
Alleine die Vorstellung davon, ihn an Jessica Stanley zu verlieren jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken.
„Aber ich schweife ein wenig vom Thema ab…“ Elizabeth lächelte kopfschüttelnd.
„Möchtest du die Geschichte hören?“, fragte sie mich und ich nickte sofort ohne groß darüber nachzudenken.
Es hatte mich schon immer brennend interessiert, wie Elizabeth und Edward Senior zueinander gefunden hatten.
Ich mochte solche schönen Geschichten und diese hier war ja bis jetzt auch schließlich gut ausgegangen.
„Gut…“ Elizabeth atmete einmal kurz ein und sie schien ihre Erinnerungen in ihrem Kopf erst einmal zu ordnen, bevor sie zu erzählen begann.
„Ich habe Edward das erste Mal 1889 getroffen. Ich war 16 Jahre alt, genauso wie du es jetzt auch bist“, erklärte sie lächelnd und ich errötete.
„Unsere Geschichte ähnelt sich in so vielen Dingen und ich würde es dir wirklich wünschen, dass du auch eine so schöne Zeit haben wirst, wie ich es hatte und auch heute noch habe“, fügte sie hinzu und ich seufzte leise.
Diese Vorstellung wäre wirklich sehr schön, das konnte ich nicht bestreiten.
„Anfangs habe ich mir, zusammen mit ein paar Freundinnen etwas Geld hinzuverdient. Wir waren bei den verschiedensten reichen Personen von Chicago als Haushälterinnen angestellt und obwohl einige der Leute ziemlich unfreundlich sein konnten, so war es doch eine schöne Zeit. Wir hatten wirklich viel Spaß und ich habe meine Arbeit gerne gemacht. Meine Eltern waren ebenfalls sehr stolz auf mich.“
Ich lauschte wirklich sehr gerne ihren Erzählungen, denn dank meiner blühenden Fantasie konnte ich mir alles noch haargenau vorstellen.
Jetzt wusste ich auch, wie alt Elizabeth war und sie war wirklich noch recht jung mit ihren 34 Jahren, aber das war ja auch nichts Ungewöhnliches.
Trotz allem war sie um einiges hübscher als die Frauen in ihrem Alter, was wahrscheinlich auch immer diese neidischen Blick erklärten, die ihr alle immer zuwarfen, doch sie schien das nicht im geringsten zu stören.
„Ich weiß noch genau, wie es damals für mich war. Fast beinahe so, als wäre es erst gestern passiert, dabei ist es schon 18 Jahre her…“ Sie seufzte zufrieden und ich wartete gespannt darauf, dass sie von der ersten Begegnung mit ihrem Mann erzählte.
Ich befand mich gerade zusammen mit meiner Freundin Victoria im riesigen Salon der Masens und beseitigte die letzten Überreste des Festes, welches noch am Abend zuvor bis zum frühen Morgen gefeiert wurde.
Ich arbeitete erst seit ein paar Tagen hier, ganz im Gegensatz zu Victoria, die schon seit einiger Zeit für die Masens arbeitete.
„Oh Elizabeth, hast du schon den Sohn der Masens getroffen?“, fragte sie mit träumerischer Mine und ich warf ihr einen kurzen Blick zu.
Victoria tat nichts lieber, als sich die ganzen Junggesellen der oberen Schicht anzusehen und heimlich für sie zu schwärmen.
Ich musste über ihre verträumte Art lächeln und schüttelte den Kopf.
„Nein, wie könnte ich? Ich habe gestern den ganzen Tag in der Küche verbracht.“
„Er war ja auch eine Zeit lang auf Reisen, zusammen mit Mr. Masen. Aber jetzt ist er wieder da und oh, ich bin ja schon so aufgeregt.“
„Du bist wirklich unverbesserlich“, bemerkte ich mit einem entschuldigenden Lächeln und Victoria zuckte grinsend mit ihren Schultern.
Sie wusste selbst nur zu genau, dass wir alle keine Chance bei diesen Männern hatten, denn sie hatten grundsätzlich nur Augen für die Frauen aus ihren Reihen.
Mir machte das nicht viel aus, denn eines Tages würde ich schon noch den richtigen Mann finden.
Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde.
Victoria atmete laut aus, als sich die Tür öffnete und sofort schlich sie mit schnellen Schritten zu mir herüber.
Ich war immer noch viel zu sehr damit beschäftigt, aufzuräumen, als das ich mich die ganze Zeit mit ihr hätte unterhalten können, aber sie ließ nicht locker und zupfte aufgeregt an meiner Schürze.
„Lizzy, schau! Dort ist er!“
Ich zwang mich dazu, meine Arbeit für einen kurzen Moment zu unterbrechen und folgte dem Blick meiner besten Freundin.
Da stand er, direkt neben seinem Vater.
Die beiden unterhielten sich gerade und schienen uns nicht zu bemerken, aber auch das war nichts Außergewöhnliches.
Ich hatte wirklich mit vielen gerechnet, denn Victorias Geschmack für Männer war manchmal schon ziemlich fraglich, aber dieser Edward war wirklich äußerst gut aussehend.
Auch wenn es sicherlich recht dümmlich aussehen musste, so konnte ich es doch nicht lassen ihn anzusehen.
„Ich bezahle Sie sicherlich nicht fürs herumstehen!“, hörte ich die wütende Stimme von Mrs. Masen nicht weit entfernt von uns und sowohl Victoria als auch ich zuckten beide erschrocken zusammen.
Das hatten wir jetzt davon, dass wir ihren Sohn beobachten!
„Entschuldigen Sie bitte, Mrs. Masen. Es kommt nicht noch einmal vor“, sagte ich hastig und verbeugte mich kurz in ihre Richtung.
Während ich mich wieder umdrehte, sah ich noch, wie auch der Sohn der Masens seinen Blick zu mir gerichtet hatte, aber da ich jetzt wieder arbeiten musste, konnte ich mir seinen Gesichtsausdruck nicht genauer ansehen.
Ich wollte es schließlich nicht riskieren, am Ende noch meinen Job zu verlieren und das nur, weil Mrs. Masen schlechte Laune hatte und ich ihren Sohn beobachtete.
Außerdem waren die Söhne dieser ganzen reichen Leute doch alle gleich.
In der Öffentlichkeit hatten diese Männer keinen Blick für uns übrig, aber sobald die Vorhänge geschlossen waren, interessierten sie sich für die Frauen der anderen Schicht.
Uns so schnell wie sie erobert worden waren, so schnell wurden sie auch gleich wieder abgeschrieben.
Es war traurig genug, dass so viele Frauen auch noch darauf hinein fielen, aber immerhin gehörten ich und auch sogar Victoria nicht zu diesen Frauen.
Sie beschränkte sich lieber auf das schwärmen und darüber war ich unheimlich froh.
„Oh.. Lizzy..“ Victoria hielt das Staubtuch in ihrer Hand, doch es sah nicht danach aus, als würde sie gerade wirklich arbeiten, denn sie starrte schon wieder zu der Tür herüber.
„Victoria!“ Ich warf ihr einen warnenden Blich zu, während ich weiter das Regal abputzte, doch sie schien diese Aussage von mir vollkommen zu ignorieren.
„Lizzy, er kommt wirklich hier her!“ Sie wedelte mit ihrem Staubtuch in meine Richtung und ich seufzte leise.
Das hatte rein gar nichts zu bedeuten, aber Victoria musste wieder einmal ein riesengroßes Theater daraus machen.
„Lass ihn doch… Ihn interessiert wahrscheinlich eh nur…“, flüsterte ich ihr zu, doch als ich ein Räuspern vernahm, stoppte ich augenblicklich.
Ganz langsam drehte ich meinen Kopf in seine Richtung und starrte in ein Paar wunderschöne braune Augen.
Sie strahlten soviel Ehrlichkeit und Güte aus, dass ich beinahe das Tuch in meinen Händen verloren hatte, doch ich konnte es gerade noch wieder auffangen.
„Meine Damen…“ Er machte eine leichte Verbeugung in unsere Richtung und Victoria kicherte vergnügt, während ich ihn nur leicht dümmlich anstarren konnte.
Was wollte dieser Mann jetzt von uns?
Sollten wir vielleicht auch noch schnell sein Zimmer aufräumen?
Hatte ich noch einen Fleck übersehen?
Hastig sah ich mich um, doch alles war blitz und blank.
„Wie ist Ihr Name, Miss?“, fragte er mich in höflichem Ton und ein Lächeln schlich sich über sein Gesicht.
Er wollte meinen Namen wissen?
Ich runzelte die Stirn und versuchte möglichst nicht verwirrt auszusehen und doch gelang es mir nicht.
„Mein Name? Ich heiße Elizabeth, Sir…“, entgegnete ich schnell und hoffte, dass meine Stimme ihren höflichen Ton behalten hatte.
„Es freut mich, Sie kennen zu lernen Elizabeth. Mein Name ist Edward.“ Er streckte mir seine Hand entgegen und ich starrte sie ein wenig verwirrt an.
Das sich jemand wie er so höflich vorstellte, war bis jetzt noch nicht passiert.
„Es freut mich auch, Sir. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden… Ich habe noch einiges an Arbeit zu erledigen“, sagte ich schnell und wandte mich von ihm ab.
Das war vielleicht alles andere als höflich, aber ich sah keinen Grund, wieso ich mich mit ihm unterhalten sollte, obwohl er natürlich mehr als nur unbeschreiblich gut aussah.
Jedoch käme das alles nur auf das Eine hinaus und das wollte ich unter keinen Umständen.
Ich war gerade dabei, den Kuchen in den Ofen zu schieben, als Elizabeth ihre Erzählung unterbrach und leise kicherte.
„Also, Liebes. Wie du sehen kannst, sind wir uns nicht so unähnlich. Nur mit der Tatsache, dass ich viel sturer war, als du. Edward musste wirklich lange um mein Herz kämpfen, aber wenn ich ehrlich war, dann hat er mich schon vom ersten Moment an verzaubert. Jedoch wusste ich beim besten Willen nicht, wie solch eine Beziehung bestand haben konnte. Diesen Gedankengang wirst du sicherlich sehr gut verstehen.“
Sie lächelte und strich behutsam über meinen Arm.
„Ja, in der Tat.“ Ich seufzte leise und warf einen nachdenklichen Blick aus dem Fenster.
„Jedoch.. Es gab da eine Sache, mit der Edward und ich sicherlich nicht sogleich gerechnet hätten“, erklärte Elizabeth mir, doch ihr Blick verriet, dass es anscheinend keine schlechte Erinnerung war.
Ich warf ihr einen fragenden Blick zu und wartete darauf, dass sie mit der Erklärung fort fuhr.
„Ich wurde schwanger“, sagte sie schließlich und ihre Augen strahlten.
Ich hingegen verstand nicht so recht, was daran jetzt so schlimm sein sollte, denn zu ihrer vorherigen Aussage passte diese jetzt nicht so ganz.
„Bevor wir geheiratet haben“, fügte sie als Erklärung hinzu.
„Oh Himmel!“, sagte ich und meine Wangen färbten sich rot.
Elizabeth hingegen kicherte nur leise und zuckte dann leicht mit ihren Schultern.
„Ich habe ganz genauso reagiert, wie du jetzt aber daran waren Edward und ich schließlich nicht unbeteiligt.“
Ich wollte irgendetwas darauf erwidern, doch mir fiel beim besten Willen nichts ein.
Stattdessen räumte ich vollkommen planlos die restlichen Zutaten wieder an ihren ursprünglichen Platz und versuchte nicht daran zu denken, was noch am Abend zuvor mit Edward passiert war.
Wir hatten zusammen in einem Bett geschlafen und uns geküsst.
Er hatte mich auch berührt, doch dann hatte er aufgehört.
Ich wollte nicht daran denken, was passiert wäre, wenn er nicht aufgehört hätte.
Natürlich hätte ich ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht davon abgehalten, aber im Nachhinein hätte ich vielleicht mit gewissen Konsequenzen rechnen können.
„Ihr müsst uns ja auch nicht alles nachmachen, nicht wahr?“ Elizabeth schien meine Reaktion irgendwie zu amüsieren, doch ich wusste auch, dass sie mich nicht auslachte.
Ich war einfach nur nervös und ein wenig peinlich berührt, wie wahrscheinlich jede junge Frau in meinem Alter, wenn es um dieses Thema ging.
„Aber ich habe es nie bereut. Sieh doch, was wir für einen wunderbaren Sohn haben.“ Elizabeth seufzte zufrieden und ihre smaragdgrünen Augen leuchteten vor Freude.
„Jedoch weiß es bis heute niemand. Edward und ich haben es immer für uns behalten und unser Sohn ist dann auf die Welt gekommen, als wir bereits verheiratet waren. Edward und ich wollten so oder so heiraten, aber ich wollte nicht, dass man mein Kind anders behandelt, nur weil es unehelich zur Welt gekommen war.“
Das verstand ich nur allzu gut.
Obwohl ich noch keine Kinder hatte, wenn es anders wäre, dann würde ich mit großer Sicherheit auch alles für mein Kind tun und ihm die ganze Liebe geben, die ich besaß.
„Was ist mit Victoria?“, fragte ich nach einer kurzen Pause und versuchte damit, dass Thema in eine andere Richtung zu lenken.
„Oh Victoria? Ihr geht es wirklich fantastisch und noch immer ist sie mir eine sehr gute Freundin. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern nicht weit entfernt von hier. Zwar ist dieser vielleicht nicht so reich, wie sie es sich insgeheim immer erträumt hatte, aber sie ist überaus glücklich und zufrieden mit ihrem Leben. Die Liebe geht nun einmal ihren eigenen Weg. Man kann sie nicht hinauf beschwören oder gar erzwingen..“
Da hatte Elizabeth wieder einmal Recht und ich musste Lächeln.
Es war auch schön zu wissen, dass Victoria Elizabeth nie verurteilt oder sich von ihr abgewandt hatte.
Genau an solchen Dingen erkannte man auch, wer seine wahren Freunde waren und von wem man sich lieber fern halten sollte.
Während wir darauf warteten, dass der Kuchen endlich fertig wurde, unterhielten wir uns noch eine ganze Zeit lang und tranken nebenbei Tee.
Elizabeths Gesellschaft war wirklich ein Geschenk und ich war gerne in ihrer Nähe, während sie mir so einiges aus ihrem bisherigen Leben erzählte.
Edward hatte wirklich wunderbare Eltern und ich bewunderte die beiden.
Ich war so vertieft darin Elizabeth zuzuhören, dass ich Edwards Anwesenheit erst bemerkte, als sich seine Hand vorsichtig auf meine Schulter legte.
Trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, dass ich zusammenzuckte und ihm einen erschrockenen Blick zuwarf.
„Entschuldige bitte“, bemerkte er mit einem amüsierten Grinsen und nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, zeigte sich ein Lächeln auf meinen Lippen.
Edward begrüßte mich und dann auch seine Mutter, bevor ich seinen Vater entdeckte, der einen neugierigen Blick in Richtung Küche warf.
„Es riecht hier sehr köstlich…“, murmelte er und versuchte den Ursprung dieses Geruches ausfindig zu machen.
„Bella und ich haben Kuchen gebacken und sie war so freundlich, mir das Rezept ihres wunderbaren Schokoladenkuchens zu verraten“, erklärte Elizabeth ihrem Mann und er seufzte zufrieden.
„Dieser Kuchen war einfach himmlisch…“
„Da muss ich den beiden zustimmen.“ Edward lächelte, doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, als er nach draußen in die Richtung seines Gartens deutete.
„Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir kurz nach draußen gehen? Ich würde mich gerne mit dir unterhalten“, erklärte er mir und streckte mir seine Hand entgegen.
Ich zögerte einen Moment und in meinem Kopf spielten sich die verrücktesten Fantasien davon ab, was als nächstes Geschehen würde.
Als erstes kam mir in den Sinn, dass er vielleicht doch über alles nachgedacht hatte und dies alles hier jetzt doch nicht mehr wollte.
Trotz meinen Ängsten griff ich nach meiner Hand.
Edward schien zu bemerken, dass ich ein wenig unsicher war, doch sein Daumen strich behutsam über meinen Handrücken, während wir zusammen in die Richtung des Gartens liefen.
Als wir den kleinen Pavillon erreicht hatten, der in dem Garten der Masens stand, ließ Edward meine Hand los und ich wollte schon dagegen protestieren, aber ich ließ es doch bleiben.
Schließlich wusste ich nicht, was er mir zu sagen hatte, also blieb ich einfach stehen und wurde von Sekunde zu Sekunde ungeduldiger.
Er stand mit dem Rücken zu mir und ließ seinen Blick über den riesengroßen Garten wandern, während ich nervös an meinem Kleid zupfte.
Warum sagte er denn nichts?
Wollte er denn nicht mit mir reden?
Ganz langsam drehte er sich zu mir um und im ersten Moment wagte ich erst gar nicht, meinen Blick aufzurichten, doch ich zwang mich dazu.
Die Andeutung eines kleinen Lächelns war in seinem Gesicht zu erkennen, doch seine Augen hatten einen ernsten Ausdruck, den ich bis jetzt noch nicht oft in seinem Gesicht gesehen hatte.
Er seufzte leise und ging einen Schritt auf mich zu.
Irgendetwas in seinen Augen alarmierte mich, doch vielleicht war das auch nur ein albernes Hirngespinst meinerseits.
Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht war das hier auch das Ende.
Ich jedenfalls war vollkommen durch den Wind und blinzelte hektisch, während Edward nach den richtigen Worten suchte.
Aufmerksam musterte er mein Gesicht und die Stille, die in diesem Moment zwischen uns herrschte, brachte mich beinahe um.
Was wollte er mir nur sagen?
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